
1986 war für mich der Moment, in dem „Atomkraft – nein danke“ mehr wurde als ein Aufkleberspruch. Ich war noch ein Kind, als Tschernobyl passierte. Aber ich erinnere mich an die Stimmung – Spielplätze wurden plötzlich gesperrt, es gab Warnungen vor dem Regen, Eltern berieten sich leise, es gab Milchpulver statt frischer Milch, Konserven wurden gekauft statt frisches Obst und Gemüse und der Garten war tabu. Radioaktivität ist unsichtbar.
Wer als Kind erlebt hat, dass selbst Regen zur Gefahr werden kann, wer später von Harrisburg, Fukushima, Jülich, Philippsburg, Krümmel, Asse und es gibt kein Endlager, den vielen Störfällen in Deutschland erfährt und sich mit den realen Kosten von Atomenergie beschäftigt, für den ist „Atomkraft – nein danke“ keine Parole mehr, sondern eine begründete Haltung.
In der Rückschau wurden diese Erinnerungen an die Folgen des Super-Gaus in Tschernobyl (oder konsequenterweise Tschornobyl) zur Überzeugung und konsequenter Haltung. Dieser Unfall, der Strahlung mit Wind und Regenwolken sowie Begriffe wie Becquerel und Cäsium in unseren Alltag brachte, war für mich ein politischer Fixpunkt. Aus der Angst und Sorge der Eltern vor belastetem Sand auf Spielplätzen, Pilzen und verstrahlten Wäldern wuchs später der Wunsch nach konsequenten Alternativen: einer Energiewende und Atomausstieg jetzt.
Aber auch der Wille ein wenig Sand im Getriebe der Atomwirtschaft zu sein – also organisiert bei Castor-Transporten ins Wendland oder ins Münsterland auf der Straße zu sitzen und uns wegtragen zu lassen. Nicht, weil es glamourös ist, sondern weil es sich richtig anfühlte. Auch das der Strom über Naturstrom bezogen wird ist seit meiner ersten WG keine Lifestyle-Entscheidung, sondern auch eine Konsequenz aus Tschernobyl.
Entdecke mehr von bilkOrama. Leben findet Stadt.
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.