
Am Anfang ist da nur Stille. Die Kamera fängt den Blick vom Waldboden ein, schwenkt langsam über die hohen Baumkronen, die in den blauen Septemberhimmel ragen. Ein friedliches Bild. Doch die Ruhe trügt. Stimmen, Schreie, Weinen – Geräusche drängen sich ins Bild, bis ein Polizist nach der Linse greift. Es sind die letzten Bilder der 360°-Helmkamera von Steffen Meyn – und die ersten, die der Film „Vergiss Meyn nicht“ zeigt.
Nach seinem Tod nahmen sich seine Freund*innen Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl und Jens Mühlhoff des Materials an. Über Jahre arbeiteten sie daran, aus Steffens Aufnahmen einen Film zu machen. Entstanden ist eine Dokumentation, die keine einfachen Antworten gibt. Stattdessen stellt sie Fragen – an uns als Publikum. Ihr könnt den Film hier kaufen oder leihen: wfilm.de/vergiss-meyn-nicht
Der 27-jährige Filmstudent verunglückte am 19. September 2018, als er während der Räumung des Hambacher Forsts von einer Hängebrücke abstürzte. Steffen war nicht in erster Linie Aktivist. Er verstand sich als Dokumentarfilmer, wollte mit journalistischer Neugier und künstlerischem Blick festhalten, was im Wald geschah. Zwischen 2017 und 2018 lebte er zeitweise in Baumhäusern, sprach mit den Besetzer*innen, begleitete ihren Alltag – und hielt all das mit seiner Kamera fest.
„Vergiss Meyn nicht“ konzentriert sich bewusst auf die Perspektive der Aktivisti. Interviews mit Polizeikräften fehlen – nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil der Film keine Gegenerzählung aufbauen wollte. Der „Antagonist“, so die Regie, sei das Publikum selbst: Wir sind es, die Stellung beziehen müssen, die eigene Haltung überprüfen, die sich fragen sollen: Wie hätte ich gehandelt?
So entsteht ein ungewöhnlich intimes Bild: Wir sehen die Wut und Euphorie, die Resignation und Hoffnung der Hambi-Besetzung. Wir spüren die Kraft einer gelebten Utopie im Wald – eine Gemeinschaft, die alles andere als perfekt war, die Fehler machte, sich aber dem Ziel verschrieben hatte, den Wald zu bewahren.
Der Film ist dadurch mehr als eine Chronik. Er ist Erinnerung. Erinnerung an einen Menschen, der mit offener Art und Kamera die Bewegung begleiten wollte – und dabei sein Leben verlor. Erinnerung an eine Protestform, die Deutschland bewegt hat. Erinnerung an die Frage, wie ernst wir es meinen, wenn wir über Klima, Gerechtigkeit und Verantwortung sprechen.
Er ist schmerzhaft, ehrlich, intensiv. Und er macht klar: Steffen Meyn soll nicht vergessen werden.
Am 20. September 2025 um 14 Uhr findet an der Gedenkstätte in Beechtown die diesjährige Gedenkfeier für die verstorbenen und gefallenen Freund*innen aus der Hambacher Waldbesetzung statt. Alle, die an Steffen und die anderen erinnern wollen, sind herzlich in der Hambi eingeladen. Infos findet ihr hier: hambacherforst.org