Klimazwillinge. Warum Düsseldorf bald so warm sein könnte wie Toulouse.

Wie sich Düsseldorf in Richtung Süden bewegt – und warum mich das nicht loslässt.

Der Klimawandel ist leichter zu verdrängen ist, solange es abstrakt bleibt. Aber wenn man weiß, wie sich Toulouse im August anfühlt, bekommt man eine Ahnung, was auf uns zukommt. Und vielleicht auch eine Idee, wie wir uns vorbereiten können – als Stadt, als Nachbarschaft, als Menschen, die hier wohnen.

Es gibt Themen, die einen nicht loslassen. Mich zum Beispiel das Klima. Nicht als Schlagzeile, sondern als etwas, das sich verändert, leise und stetig. Ich habe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – damals noch HHUD – Geographie bei Professor Jordan studiert. Im Studium sprachen wir über Wärmeinseln, Albedo-Effekte, über die Wechselwirkung von Boden, Luft und Stadtstruktur. Über Klimaerwärmung und Kipppunkte. Das klang damals theoretisch, fast fern. Heute reicht ein Sommerabend am Bilker Bahnhof, um zu verstehen, was gemeint war. Wenn der Asphalt selbst nach Mitternacht noch Wärme abstrahlt und die Luft steht, dann ist das Stadtklima kein Lehrbuchbegriff mehr, sondern Realität. Vor zwei Jahren bin ich auf ein Konzept gestoßen, das den Klimawandel greifbarer macht als jede Statistik: die Klimatischen Zwillinge.

    Verschiebung der klimatischen Bedingungen deutscher Städte: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
    Quelle: Eurac Research
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    Zu sehen sind die beschriebenen Klimaanalogien der deutschen Städte in einer Europakarte für den Zeitraum 1986-2015
    Verschiebung der klimatischen Bedingungen deutscher Städte 1961-1990 bis 1986-2015
    Quelle: Eurac Research
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    Zu sehen sind die beschriebenen Klimaanalogien der deutschen Städte in einer Europakarte für den Zeitraum 2031-2060
    Verschiebung der klimatischen Bedingungen deutscher Städte 1961-1990 bis 2031-2060
    Quelle: Eurac Research
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    Zu sehen sind die beschriebenen Klimaanalogien der deutschen Städte in einer Europakarte für den Zeitraum 2071-2100
    Verschiebung der klimatischen Bedingungen deutscher Städte 1961-1990 bis 2071-2100
    Quelle: Eurac Research

Das Umweltbundesamt beschreibt sie als europäische Regionen, die heute schon das Klima haben, das deutsche Städte in einigen Jahrzehnten erleben werden. Es ist also eine Art Blick in die Zukunft – über Ländergrenzen hinweg. Wenn man so will: Das Klima zieht um. Städte wie Düsseldorf rücken klimatisch nach Süden, etwa 100 bis 600 Kilometer, mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 20 Kilometern pro Jahr. Das ist keine Metapher, sondern das Ergebnis klimatologischer Modellrechnungen. Diese Berechnungen und Überlegungen gibt es auch für ander Städte in Deutschland – lesenswert in der Stadt + Grün: Studie: Klimatische Verschiebung deutscher Städte

Vier Faktoren stehen im Mittelpunkt: mittlere Temperaturen im Sommer und Winter, sommerliche Höchstwerte und die saisonalen Niederschläge. Aus diesen Daten entstehen Vergleiche, die eindrücklich zeigen, was sonst oft abstrakt bleibt.

Düsseldorf hat ein typisches, atlantisch beeinflusstes Übergangsklima. Die Winter sind mild, die Sommer angenehm, manchmal schwül. Laut Deutschem Wetterdienst liegt die Jahresmitteltemperatur derzeit bei etwa 11 Grad, die jährliche Niederschlagsmenge um 750 Millimeter. Das klingt unspektakulär, aber wer hier lebt, merkt, dass sich die Wärme hält. Die Nächte bleiben länger lau, die Zahl der Hitzetage nimmt zu. Was früher Ausnahme war, wird zur Regel.

Die Stadt Düsseldorf selbst nennt inzwischen einen ganz bestimmten „Klimazwilling“: Toulouse in Südfrankreich. Dort herrscht heute das Klima, das wir hier gegen Ende des Jahrhunderts erwarten können.
In Toulouse sind die Sommer trockener und heißer, die Nächte wärmer, der Himmel oft klarer. Die Temperaturverläufe, die man dort misst, könnten um das Jahr 2100 herum auch für den Rhein gültig sein – zumindest im Mittel.

Das Umweltbundesamt beschreibt diesen Prozess so: Viele deutsche Städte verschieben sich klimatisch bis 2071–2100 in Richtung der heutigen Bedingungen an der französischen Atlantikküste und weiter südlich bis zur Adria. Für Düsseldorf bedeutet das: mehr Hitzetage, mehr Tropennächte, längere Vegetationszeiten, veränderte Wasserverfügbarkeit.

In der Stadtverwaltung ist diese Entwicklung längst angekommen. Unter dem Stichwort KAKDUS – Klimaanpassungskonzept Düsseldorf werden Maßnahmen umgesetzt, um die Stadt widerstandsfähiger zu machen. Dach- und Fassadenbegrünungen, schattenspendende Bäume, wasserdurchlässige Flächen, Begrünung entlang stark versiegelter Straßen.

Das ist kein Ideologie, sondern notwendige Vorsorge. Denn wenn die Temperaturspitzen steigen, dann entscheidet die Bauweise ganzer Viertel darüber, wie lebenswert sie bleiben. Vielleicht ist genau das die Stärke des Konzepts der Klimazwillinge. Wir können jetzt schon gestalten, damit unsere Stadt auch dann noch lebenswert bleibt, wenn der Sommer sich anders anfühlt.

Autor: micha_koester

Ich bin Blogger, Kleingärtner und gerne auch politisch-bewegt.

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