
Es ist diese eine Nacht. Wenn der Himmel brennt, der Asphalt knallt und wir uns gegenseitig „Frohes Neues“ zurufen, während es riecht wie ein Chemiebaukasten aus den 80ern. Silvester.
Und jedes Jahr wird behauptet, das sei Freiheit, Tradition, Kultur. Dabei ist es vor allem eines: eine Nacht, in der wir kollektiv wegsehen. Nicht bei uns.
Nicht bei dem, was das mit Tieren macht.
Vögel zum Beispiel. Sie sitzen nicht gemütlich in der Hecke und denken sich: Ach, einmal im Jahr wird’s halt laut. Sie fliehen. Panisch. In der dunkelsten, kältesten Zeit des Jahres. Eine wissenschaftliche Studie aus den Niederlanden hat mit Wetterradar gemessen, was in der Silvesternacht passiert: Die nächtliche Flugaktivität von Vögeln steigt um ein Vielfaches, teilweise um das Hundertfache. Tiere fliegen plötzlich in Höhen von über 500 Metern, verlassen Schlaf- und Ruheplätze und verlieren Orientierung (Universität Amsterdam (UvA).
Was das kostet, zeigt eine Folgestudie derselben Forschungsgruppe: Wasservögel verlieren in der Silvesternacht bis zu 10–15 Prozent ihrer gesamten Winter-Energiereserven.(Universität Amsterdam (UvA). Im Winter ist das keine Petitesse, sondern eine Überlebensfrage. Wer diese Energie nicht wieder ausgleichen kann, stirbt – leise, zeitverzögert, außerhalb jedes Feuerwerksvideos
Die Vögel, die danach gegen Glasfassaden prallen, in Stromleitungen fliegen oder geschwächt Tage später verenden, tauchen in keiner Statistik auf. Es gibt keine Rubrik „Feuerwerk“ in den Todesursachen. Der NABU spricht deshalb ausdrücklich von indirekten Todesfolgen, die nicht systematisch erfasst werden. Auch am Boden sieht es nicht besser aus. Rehe, Füchse, Hasen reagieren mit Flucht, verlieren Reviere, überqueren panisch Straßen. Forstbehörden und Jägerschaften berichten rund um Silvester regelmäßig von erhöhtem Wildunfallaufkommen – ohne bundesweite Statistik, ohne großes Interesse. Der Deutscher Tierschutzbund weist seit Jahren auf diese Zusammenhänge hin. Hinzu kommt Dauerstress: geschwächtes Immunsystem, geringere Fortpflanzung, Aufgabe von Lebensräumen.
Bei Haustieren wird das Problem immerhin sichtbarer – aber nicht weniger verdrängt. Studien zeigen, dass rund 45 bis 50 Prozent aller Hunde starke Angstreaktionen auf Feuerwerk zeigen: Zittern, Panik, Fluchtversuche, Selbstverletzungen. Jedes Jahr aufs Neue meldet das Haustierregister TASSO Hunderte entlaufene Tiere rund um den Jahreswechsel. Allein 2022/23 waren es 667 Hunde und rund 500 Katzen. Die Zusammenfassung von Vier Pfoten „Feuerwerk und Tierleid: Mythen & Fakten. Häufige Irrtümer und falsch interpretierte Studien“ ist ebenfalls lesenswert…
Und dann ist da noch der Dreck. Silvester ist nicht nur laut, es ist auch giftig. Feinstaub, Schwermetalle wie Barium und Strontium, Mikroplastik. Laut dem Umweltbundesamt entstehen bis zu 75 Prozent des jährlichen Feuerwerks-Feinstaubs in genau dieser einen Nacht. Was nicht eingeatmet wird, landet in Böden, Gewässern und Nahrungsketten. Auch das trifft Tiere – indirekt, aber nachhaltig.
Interessant wird es, wenn man das Ganze mit anderen populistische Debatten von rechts vergleicht. Zum Beispiel mit der um Windkraft. Da wird der Tierschutz plötzlich hochgehalten wie eine Monstranz. Vögel! Fledermäuse! Natur! Alles ganz schlimm.
Wissenschaftlich extrem dünn und falsch (einige tausend Vögel pro Jahr durch direkte Turbinkollisionen – aber Todesfällen durch Vogelschlag an Glas: >100 Mio. Vögel jährlich in Deutschland), emotional maximal aufgeladen. Und auffällig oft vorgetragen von genau jenen, die zu Silvester Raketen in den Himmel jagen, als gäbe es kein Morgen.
Das ist keine Sorge um Tiere. Das ist selektive Empörung. Ein Scheinargument, das gut klingt, solange es gegen etwas gerichtet ist, das man ohnehin ablehnt. Aber völlig verstummt, wenn es um das eigene Verhalten geht. Tierschutz nach Bedarf. Laut, wenn er politisch passt. Still, wenn er unbequem wird.
Es geht hier nicht um Spaßverderberei. Nicht um Moral von oben. Und ganz sicher nicht um das Verbot von Freude. Es geht um Ehrlichkeit. Um die Frage, ob wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn sie uns selbst betrifft. Freiheit ohne Verantwortung ist keine Freiheit. Tradition ohne Reflexion ist keine Rechtfertigung.
Vielleicht wäre ein gutes neues Jahr eines, in dem wir nicht mehr so tun, als sei diese eine Nacht eine Ausnahme von allem. Sondern der Moment, in dem wir anfangen, konsequent zu sein. Auch – und gerade – dann, wenn niemand klatscht.