
Es beginnt oft ganz unspektakulär. Ein Klick weniger. Ein Konto schließen. Eine App löschen. Und plötzlich merkt man, wie sehr man sich an Dinge gewöhnt hat, die man nie wirklich gewählt hat.
Der Digital Independence Day lädt genau dazu ein: innehalten und die eigene digitale Abhängigkeit hinterfragen. Jeden ersten Sonntag im Monat geht es beim DI.Day #DigitalIndependenceDay darum, einen Schritt weg von den großen Plattformen zu machen, die unseren digitalen Alltag dominieren – Facebook, Amazon, X, Google.Konzerne, deren Marktmacht eng verknüpft ist mit Namen wie Musk, Bezos oder Zuckerberg. Superreiche, die längst nicht mehr nur Produkte anbieten, sondern Infrastrukturen kontrollieren.
Unterstützt wird die Initiative vom Chaos Computer Club. Beim 39. Chaos Communication Congress rief der Autor Marc-Uwe Kling dazu auf, den sogenannten Netzwerkeffekt gezielt zu brechen. Also genau das, was uns auf Plattformen hält, obwohl wir sie längst kritisch sehen: „Alle sind da.“ Aber was, wenn man anfängt, nicht mehr alle dort zu treffen?
Der Gedanke dahinter ist einfach – und radikal zugleich: Digitale Souveränität entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Praxis. Durch Wechsel. Durch Ausprobieren. Durch darüber reden. Oder wie Marc-Uwe Kling es formulierte:
Nicht nur wechseln, sondern auch damit angeben, dass man es getan hat.
Der Digital Independence Day ist kein Dogma. Niemand muss sofort alles umstellen. Es geht um Schritte. Um Erfahrungen. Um das Sichtbarmachen von Alternativen, die längst existieren – oft stabiler, datensparsamer und europäischer, als man denkt. Ein paar Beispiele:
- Mastodon statt X – dezentrales soziales Netzwerk ohne zentralen Eigentümer
joinmastodon.org - Threema statt WhatsApp – sicherer Messenger aus der Schweiz mit starkem Fokus auf Privatsphäre und Datensparsamkeit threema.ch
- Lumo statt ChatGPT – europäische KI von Proton, entwickelt mit Schwerpunkt Datenschutz und Sicherheit proton.me
- XWiki statt Google Docs – gemeinsames Arbeiten an Dokumenten auf Open-Source-Basis www.xwiki.org
- Codeberg statt GitHub – unabhängige Softwareplattform mit Sitz in Berlin, gemeinnützig organisiert codeberg.org
Die Initiative sammelt solche „Wechselrezepte“ und macht Mut, Dinge nicht nur zu kritisieren, sondern praktisch zu verändern. Denn klar ist auch: Ein Umzug will vorbereitet sein. Kontakte mitnehmen, Daten sichern, Gewohnheiten neu sortieren. Genau hier setzt der CCC an – mit Beratung, Workshops und ganz konkreter Hilfe.
Auch bei uns. Am 1. Februar 2026 findet ein Digital Independence Day Workshop in Düsseldorf statt – im Chaosdorf, Sonnenstraße 58, 40227 Düsseldorf. Dort helfen erfahrene Menschen beim Umzug von Windows 10 zu sicheren Alternativen, beim Wechsel von WhatsApp, beim Abschied von Gmail. Ohne Zeigefinger, ohne Technik-Elitarismus.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieser Bewegung: Sie setzt nicht auf Verzicht, sondern auf Selbstwirksamkeit.Nicht auf Perfektion, sondern auf Richtung.
In einer Zeit, in der Plattformen europäische Gesetze ignorieren, politische Debatten verzerren und unser digitales Leben ökonomisieren, ist jeder Schritt raus aus geschlossenen Systemen auch ein politischer Akt. Kein lauter, kein heroischer – aber ein wirksamer. Der Digital Independence Day erinnert daran, dass das Netz einmal anders gedacht war. Offener. Gemeinsamer. Und dass wir immer noch die Wahl haben, wie abhängig wir sein wollen. Vielleicht ist der nächste erste Sonntag im Monat ein guter Moment, um anzufangen. Nicht perfekt. Aber bewusst. Wir sehen uns beim DI.Day.